01.06.2022

Das letzte Zuhause für Mädchen in Unterfranken

Im Interview mit dem Main-Echo bilanziert unser Finanzvorstand Heinz Reinders die Lage des Mädchen- und Frauenfußballs in Unterfranken. Dabei betont er vor allem die durch den Verband ungenutzten Möglichkeiten der Förderung des weiblichen Fußballs. Und die enorme Krise in der Region, bei der Unterfranken in den letzten Jahren 70 Prozent der Juniorinnen-Teams verloren hat. Wir geben das Interview in Auszügen wieder.

 

Herr Professor Reinders, unlängst hat der FFC Alzenau seine Frauenmannschaft wegen Spielerinnenmangels aus dem Spielbetrieb zurückgezogen. Kein Einzelfall. Hat der Frauenfußball in Deutschland eine Zukunft? 

Das hoffen wir doch sehr. Ich fürchte nur, dass diese Zukunft anders wird, als wir uns das gedacht haben. Weil Sie Alzenau angesprochen haben. Schon vor Corona hatten wir das große Sterben im Mädchen- und Frauenfußball. Das fing bei den Jugendteams an, bei den Frauen war noch eine hohe Stabilität gerade im Breitensport keinen Nachwuchs mehr bei den Frauen. Das ist im Grunde wie beim demografischen Wandel. Es lässt sich leider sehr gut vorhersagen, wie sich die Situation im Frauenfußball in den nächsten zehn Jahren – egal ob in Unterfranken oder deutschlandweit – entwickeln wird. Durch Corona wird das Ganze nur noch schwieriger gestaltet. 

 

Die offizielle DFB-Statistik weist eine steigende Zahl an Frauen als Mitglieder aus: 2020 waren es mehr als 820.000. Bei den Juniorinnen hingegen ging es seit 2012 bergab auf knapp 305.000. Wie lässt sich der gegenläufige Trend erklären?

Das ist gar kein gegenläufiger Trend, sondern es sind zwei versetzte Trends. Der Erwachsenenbereich speist sich nicht aus Quereinsteigern, sondern im Grunde aus der eigenen Jugend heraus. Was wir sehen: Eine Frauenmannschaft besteht aus Spielerinnen im Alter von 17 bis 40, wir haben also eine Altersspanne von 20 bis 25 Jahren, in der Frauen als Frauenfußballerinnen gelten. Das heißt: Aus den Juniorinnen heraus hat der Nachwuchs bisher immer noch gereicht, die Zahl der gemeldeten Frauenteams konstant zu halten. Aber man sieht jetzt, dass von unten, von der U11 und der U13, immer weniger Nachwuchs kommt. Die letzte Jugend, die es trifft, ist die U17. Wenn aus der U17 nichts mehr nachkommt, wird sich in den nächsten drei, vier Jahren zeigen, dass Frauenmannschaften abgemeldet werden, wie in Alzenau, weil nicht mehr genug Spielerinnen da sind. 

 

Ein Blick auf die Teamzahlen: Da ist die Entwicklung bundesweit dramatisch. Bei den Juniorinnen sind sie vom Höchststand 8665 im Jahr 2010 auf 4525 im Jahr 2020 gefallen. Bei den Frauen ist der Aderlass deutlich geringer. Kicken die Mädels nun mehrheitlich in Jungenmannschaften? 

Bei den Mannschaften im Mädchenbereich muss man unterscheiden zwischen Breitensport und Leistungssport. Hoffenheim, Freiburg, Leipzig, die leisten sich wie wir bei den Würzburger Kickers eigene Mädchenmannschaften, die im Leistungssport unterwegs sind. Dazu kommen noch einmal die leistungsorientierten Spielerinnen, die individuell den Weg durch die Jungenmannschaften gehen, weil sie das Signal bekommen: Bei den Jungs groß zu werden erhöht die Wahrscheinlichkeit, an DFB-Stützpunkten zu landen. Der zahlenmäßig größte und wichtigste Strang sind die Breitensport- und Leistungssportteams, also die reinen Mädchenmannschaften. Zahlenmäßig den deutlich geringeren Anteil machen die Mädchen aus, die im Jungenbereich sind. 

 

Eine Etage tiefer, hier in Unterfranken, wird es noch schlimmer. Da waren in der Spielzeit 2008/09 mehr als 100 Mädchenteams gemeldet, aktuell sind es 30. Und von denen spielen die meisten in alternativen Spielformen wie dem Norweger-Model mit 7 gegen 7. Da löst sich gerade der Spielbetrieb auf. Welche Folgen hat das? 

Die Mädchen haben die traurige Perspektive, dass es keine Angebote mehr geben wird, wenn sie Fußball spielen wollen. Wenn die einmal abgebaut sind, sind sie wahnsinnig schwer wieder aufzubauen. Mädchen, die Spaß am Fußball haben und talentiert sind, finden in Unterfranken kein Zuhause mehr – zunächst im Breitensport. 

 

»Eine Sportart die fast jedes zweite Team verliert, ist in sehr großer Not«, haben Sie einmal geschrieben und die negative Entwicklung in Bayern auf »strukturschwache Förderung« zurückgeführt. Was heißt das genau?
Zunächst, dass die Verbandsseite, nicht nur hinter vorgehaltener Hand, Spielerinnen, die in den Leistungsbereich wollen, und deren Familien signalisiert, dass sie bei den Jungs zu spielen haben. Das führt dazu, dass den Vereinen diese Talente für Mädchenmannschaften nicht zur Verfügung stehen. Das trifft nicht nur uns, die TSG Hoffenheim berichtet das Gleiche von ihrem Verband. Davon sind viele Vereine betroffen. Das ist ein Phänomen, das wir vom DFB und seinen Landesverbänden kennen. Es gibt dort überhaupt keine Offenheit für Konzepte alternativer Leistungsförderung, obwohl wir empirisch nachweisen können und man das in der DOSB-Zeitung lesen konnte: Leistungsspielerinnen in reinen Mädchenmannschaften sind dann genauso gut wie jene in Jungenmannschaften, wenn diese Mannschaften gegen Jungenmannschaften spielen. Wir können nachweisen, dass das DFB-Modell nicht das einzig wahre Modell zur Förderung der Leistungsspitze ist. Trotzdem beharrt der Verband darauf, dass die Mädchen in den Jungenmannschaften spielen müssen.  (...)

 

Wir haben jetzt die ersten Spielerinnen, die in den Regionalauswahlen sind, ob- wohl sie bei uns in reinen Mädchenmannschaften gegen Jungs spielen. Wenn wir an weiteren Standorten NFZs implementieren können, vielleicht sogar angeknüpft an höherklassigen Männer- und Jungenfußball wie wir das hier in Würzburg machen, kann das der ganzen Sache nur dienen. Je mehr Perspektiven die Spielerinnen haben, mit kürzeren Wegen in den Leistungsfußball zu kommen, umso besser. 

 

 

Foto: Julien Becker/HMB

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