Schutz vor sexualisierter Gewalt braucht verbindliche Regeln, aufmerksame Erwachsene und einen Zugang, der offensteht, wenn ein persönliches Gespräch noch zu schwerfällt. Über das Vertrauensportal der FWK-Frauen können Spielerinnen anonym Kontakt zur Vertrauensperson aufnehmen und den Austausch fortsetzen.
Ein Sportverein ist mehr als ein Ort für Training und Wettkampf. Kinder und Jugendliche verbringen hier viele Stunden, erleben Gemeinschaft und entwickeln Vertrauen zu Trainer:in und Betreuer:in. Diese Nähe macht den Verein zu einem sozialen Raum, begründet aber auch gleichzeitig Verantwortung. Körperkontakt, Umkleidesituationen, gemeinsame Fahrten, Leistungsdruck und Abhängigkeiten können Grenzen verwischen und Machtgefälle verstärken. Der Verein muss Bedingungen schaffen, unter denen Zusammenarbeit möglich bleibt, ohne dass Schutz und Grenzen verloren gehen.
Dass Gewalt im Sport kein abstraktes Risiko ist, zeigen Forschung und Beratungspraxis. Die Studien „Safe Sport“ und „Sicher Im Sport“ dokumentieren Grenzverletzungen und Gewalterfahrungen im organisierten Sport. Der Jahresbericht der Unabhängigen Ansprechstelle Safe Sport verzeichnete 2025 insgesamt 236 Hilfegesuche; 80 Prozent der Vorfälle stammten aus dem Breiten- und Wettkampfsport. 68 Prozent der betroffenen Personen waren Mädchen oder Frauen, 64 Prozent bei ihrer ersten Gewalterfahrung jünger als 16 Jahre. Auch 11FREUNDE und die Süddeutsche Zeitung berichteten über Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt im Nachwuchsfußball in einem erheblichen Ausmaß.
Ein erster Schritt ohne Namen und Rechtfertigungsdruck
Im Mittelpunkt des Schutzkonzepts der FWK-Frauen steht das anonyme Vertrauensportal. Eine Spielerin muss weder ihren Namen noch eine E-Mail-Adresse oder Telefonnummer angeben. Sie kann der Vertrauensperson Katharina Meyer-Götz schildern, was sie erlebt oder beobachtet hat und weshalb sie sich unwohl fühlt. Nach dem Absenden erhält sie einen Ticket-Code. Damit kann sie die Antwort lesen und die Unterhaltung anonym fortsetzen, ohne ihre Identität offenzulegen.
Diese Anonymität ist kein Zusatzangebot, sondern Bestandteil des Schutzes. Betroffene sprechen oft nicht sofort über Grenzverletzungen. Sie zweifeln an der eigenen Wahrnehmung, schämen sich oder fürchten Nachteile. „Keine Spielerin soll zunächst beweisen oder erklären müssen, was geschehen ist“, sagt die Vereinsvorsitzende Gudrun Reinders. „Mit dem Vertrauensportal geben wir unseren Spielerinnen die Kontrolle über den ersten Schritt. Sie entscheiden selbst, wann sie schreiben, was sie mitteilen und ob sie das Gespräch fortsetzen möchten.“
Teil eines verbindlichen Schutzsystems
Das Vertrauensportal steht dabei nicht für sich allein. Es ist Bestandteil eines Schutzkonzepts, das Prävention, Intervention und klare Verantwortlichkeiten verbindet. Wer als Trainer:in oder Betreuer:in tätig ist, muss ebenso wie jedes Vorstandsmitglied regelmäßig ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Zudem gelten eine Selbstverpflichtung und konkrete Schutzvereinbarungen. Für Fahrten, Übernachtungen, Geschenke und Absprachen bestehen klare Regeln. Minderjährige Spielerinnen fahren nicht allein mit Trainer:in oder Betreuer:in. Geheimnisse zwischen Spielerin und Trainer:in oder Betreuer:in sind ausgeschlossen. Für Verdachtsfälle bestehen ein Notfallplan und eine verbindliche Meldekette; bei Bedarf wird Wildwasser Würzburg einbezogen.
„Im Nachwuchsfußball arbeiten wir nicht nur mit sportlichen Talenten, sondern mit jungen Menschen, die uns einen Teil ihrer Entwicklung anvertrauen“, betont Jugendvorstand Jonathan Rudingsdorfer. „Diese Verantwortung betrifft den Vorstand, alle, die als Trainer:in oder Betreuer:in arbeiten, die Eltern und das Vereinsumfeld.“ Sportliche Förderung und konsequenter Schutz seien keine Gegensätze: „Eine Spielerin kann sich nur dann frei entwickeln und ihr Potenzial ausschöpfen, wenn sie sich sicher fühlt. Schutz ist deshalb eine Voraussetzung guter Nachwuchsarbeit.“
Verantwortung beginnt vor dem Verdachtsfall
Ein wirksames Schutzkonzept zeigt sich nicht erst bei einem konkreten Vorwurf, sondern im täglichen Umgang: Werden persönliche Grenzen respektiert? Kann eine Spielerin widersprechen, ohne Nachteile zu befürchten? Werden unangemessene Nähe, sexistische Bemerkungen, Demütigungen oder Einschüchterungen konsequent angesprochen? Berichtet eine Spielerin von einem Vorfall, gilt: zuhören, ernst nehmen, Ruhe bewahren, keine eigenen Ermittlungen durchführen, den Sachverhalt dokumentieren und fachliche Unterstützung hinzuziehen. Der Schutz der Spielerin steht an erster Stelle.
Das Vertrauensportal kann auch genutzt werden, wenn noch kein konkreter Übergriff benannt werden kann. Eine Spielerin darf sich melden, wenn sie eine Situation nicht einordnen kann, sich durch eine Bemerkung verletzt fühlt, unangenehme Nähe erlebt, ein Verhalten gegenüber einer Mitspielerin beobachtet oder über ein ungutes Gefühl sprechen möchte.
Anonymität bedeutet nicht, dass ein Hinweis folgenlos bleibt. Sie ermöglicht der Vertrauensperosn, gemeinsam mit der Spielerin zu klären, welche Unterstützung notwendig und welcher nächste Schritt angemessen ist. Entscheidend ist, dass jede Spielerin einen geschützten Weg findet und darauf vertrauen kann, gehört und ernst genommen zu werden.
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