Acht Spiele, acht Siege und gerade einmal zwei Gegentore: Der FFC Wacker München reiste mit einer makellosen Bilanz als Tabellenführer nach Würzburg. Doch die Kickers-Frauen hatten wenig Interesse daran, die Erfolgsserie der Gäste fortzuschreiben. Mit einer geschlossenen, leidenschaftlichen Mannschaftsleistung erkämpfte sich die Erste ein bemerkenswertes 1:1, fügte den Münchnerinnen den ersten Punktverlust der Saison zu und bleibt im heimischen Sportpark Heuchelhof weiterhin ungeschlagen.
„Das ist keine Überraschung.“ Ein bemerkenswerter Satz, der da zur Halbzeit aus dem gegnerischen Trainerlager zu vernehmen war. Denn rein statistisch betrachtet war es sehr wohl eine. Schließlich traf der Tabellensiebte auf den Spitzenreiter der Bayernliga, der bis dahin sämtliche acht Saisonspiele gewonnen und gerade einmal zwei Gegentore kassiert hatte. Wer sich bei einem Wettanbieter nach den Quoten erkundigt hätte, wäre vermutlich mit einer ziemlich eindeutigen Prognose konfrontiert worden.
Wenn die Statistik plötzlich nicht mehr stimmt
Ach, hätten wir doch gewettet! Die Groschen wären wohl nur so herausgeklimpert wie aus einem einarmigen Banditen in einem glamourösen Hollywood-Streifen. Denn nach 90 intensiven Minuten stand auf der Anzeigetafel ein 1:1. Und damit ein Ergebnis, das vor allem eines widerspiegelte: Die Kickers-Frauen hatten dem Favoriten mit allem widerstanden, was eine Mannschaft auszeichnet.
Dabei war die Würzburger Führung keineswegs ein Zufallsprodukt. Bereits in der 17. Minute brachte Karolina Sajevic die Gastgeberinnen mit 1:0 in Führung. Ein Treffer, der dem Spiel eine Richtung gab, die zumindest den Tabellenstatistikern nicht gefallen haben dürfte. Die Münchnerinnen waren gefordert, während die Erste mit einer beeindruckenden Geschlossenheit verteidigte, konsequent die Zweikämpfe annahm und sich auch von der individuellen Qualität des Spitzenreiters nicht beeindrucken ließ.
Neunzig Minuten als Mannschaft
Was die Kickers-Frauen an diesem Nachmittag auszeichnete, war weniger eine einzelne herausragende Leistung als vielmehr das Zusammenspiel aller Mannschaftsteile. Die Defensive arbeitete konzentriert, das Mittelfeld hielt mit hoher Laufbereitschaft dagegen, und auch die Offensive leistete ihren Beitrag zur gemeinsamen Defensivarbeit. Jede Spielerin übernahm Verantwortung, jede kämpfte für die andere.
Dass Wacker München nach der Pause alles daransetzte, die drohende erste Niederlage abzuwenden, überraschte niemanden. Die Gäste wechselten früh, suchten Lösungen und wurden schließlich in der 82. Minute durch Andrea Boyadzhieva mit dem Ausgleich belohnt. Für die Erste war das angesichts der langen Führung ärgerlich, am Charakter ihrer Leistung änderte es jedoch nichts.
„Wir haben heute gezeigt, dass wir auch gegen die stärksten Mannschaften dieser Liga bestehen können. Entscheidend war nicht die Leistung einer Einzelnen, sondern wie konsequent wir als Team gearbeitet haben. Jede Spielerin hat Verantwortung übernommen, jede ist für die andere gelaufen. Natürlich hätten wir die Führung gerne über die Zeit gebracht. Aber diese Geschlossenheit und dieser Wille, neunzig Minuten lang füreinander zu kämpfen, machen mich stolz“, bilanziert Headcoach Marius Wiederer.
Heuchelhof bleibt eine Festung
Das Remis bestätigt zugleich eine bemerkenswerte Konstante dieser bislang wechselhaften Bayernliga-Saison: Die Kickers-Frauen sind zuhause nicht zu bezwingen. Vier Siege und nun ein Unentschieden stehen nach fünf Heimspielen zu Buche. 13 von 15 möglichen Punkten holte die Erste vor eigenem Publikum. Eine Bilanz, die umso bemerkenswerter ist, weil mit Wacker München nun auch der bislang unangefochtene Spitzenreiter Punkte am Heuchelhof lassen musste.
Für die Tabelle hat das Ergebnis ebenfalls Konsequenzen. Die Kickers-Frauen verbessern sich mit 13 Punkten auf Rang sechs. Wacker München bleibt zwar ungeschlagen, verliert durch das erste Remis allerdings die Tabellenführung und rutscht auf den zweiten Platz ab. Acht Siege, ein Unentschieden – und erstmals eine Mannschaft, die sich der Münchner Erfolgsserie erfolgreich widersetzt hat.
Auch die Defensivstatistik der Gäste hat eine kleine Korrektur erfahren. Aus zwei Gegentoren wurden drei. Das entspricht immerhin einer Steigerung um satte 50 Prozent. Statistisch gesehen eine ziemlich beachtliche Leistung für einen einzigen Nachmittag.
Viel wichtiger als solche Zahlenspiele dürfte für die Erste allerdings die Erkenntnis sein, dass sie mit Einsatzbereitschaft, taktischer Disziplin und einem ausgeprägten Mannschaftsgeist auch gegen die Spitzenteams der Bayernliga bestehen kann. Diese Qualität gilt es nun auch auswärts abzurufen. Bereits am kommenden Samstag, 31. Oktober, wartet um 15 Uhr die Partie beim SV Frauenbiburg.
Und sollte dort wieder jemand behaupten, eine überzeugende Leistung der Kickers-Frauen sei keine Überraschung, dann wäre das vermutlich tatsächlich keine mehr. Denn eines steht nach diesem Sonntag fest: Tabellen lügen nicht. Aber sie erzählen eben auch nicht die ganze Geschichte.
Foto: Paul Zottmann