25.01.2020

Die Anfänge vor zehn Jahren

Seit zehn Jahren besteht der Mädchen- und Frauenfußball auf dem Heuchelhof. Die erstaunliche Erfolgsgeschichte des kleinen Stadtteil-Vereins, die über viele nationale Preise bis hin zur gemeinsamen Zukunft mit den Würzburger Kickers führt, lässt sich am besten durch die Geschichte von vier Spielerinnen erzählen. Sie waren von Anfang an dabei und haben in dieser Zeit viel erlebt.

 

Es ist ein ganz gewöhnlicher Abend im April. Trainingszeit auf dem Sportplatz am Heuchelhof. Im Hintergrund einige kickende Jungs, angenehme Temperaturen. Es beginnt die übliche Vorbereitungszeit auf die Rückrunde. Und gleichzeitig ist auch etwas neu an diesem Abend. Einige Mädchen schnappen sich wie selbstverständlich den Ball, dribbeln und schießen sich selbst eine neue Zukunft.

 

Genau gesagt sind es vier Mädchen, die das erste Mal zu einem Fußballtraining des Vereins gekommen sind. Der Verein hieß damals noch SC Heuchelhof, die Trainingsmöglichkeiten waren eher bescheiden und die allen Widrigkeiten trotzende Trainerin war Gudrun Reinders. Es war das erste Training nur für Mädchen, das ist gerade einmal zehn Jahre her. Heute zählt der Mädchen- und Frauenfußball über 150 Spielerinnen. Die Jüngste ist vier Jahre alt, die Älteste, nun ja, etwas älter eben.

 

Von Beginn an Bestandteil dieser Erfolgsgeschichte sind die Zwillinge Leonie und Laura sowie ihre ein Jahr ältere Schwester Sophie. Die sieht ihren beiden Zwillingsschwestern damals aber so ähnlich, dass alle nur von den Drillingen sprechen. Mittendrin ist dann noch Anna. Sie sieht den Drillingen zwar überhaupt nicht ähnlich, wird aber von Günter Netzer ebenfalls für eine der Schwestern gehalten. Dazu aber später mehr.

 

Das besondere Potenzial

 

Die vier Mädchen sind damals gerade einmal vier und fünf Jahre alt, als sie mit dem Fußball spielen beginnen. Die Trainingsplätze sind marode, ein alter Container rostet an einer Ecke des Platzes vor sich hin, die meisten Werbebanden sind zerbrochen. Überall wuchert Unkraut und die Umkleidekabinen sind wahlweise verschimmelt oder stinken vor sich hin. Optimale Startbedingungen sehen anders aus. Und trotzdem erkennt Gudrun Reinders das Potenzial, in diesem Verein den Mädchenfußball aufzubauen. In einem Stadtteil mit 12.000 Einwohnern werden sich doch genug Mädchen finden, die Lust auf Fußball haben.

 

Also startet die angehende Lehrerin mit einer wöchentlichen Fußball-AG nur für Mädchen in einer der Stadtteil-Kitas. Der Zulauf ist groß, der Bewegungsdrang und das Talent der Knirpse enorm und die Nachfrage der Kindertagesstätten geweckt. Nach nur drei Jahren sind fünf Kitas mit dabei, vier vom Heuchelhof, eine aus Rottenbauer. Über 100 Mädchen nutzen seither jährlich das besondere Angebot und spielen Fußball. Trainerinnen werden eingestellt, um den Bedarf zu decken. Das jährliche Fußballspielfest wird aus der Taufe gehoben, bei dem die Mädchen der Kita-Teams gegeneinander antreten. Die stolzen Eltern, Großeltern und Freunde der Familien rennen an diesem Tag dem Verein die Türen ein. Der Bayerische Fußball-Verband wird auf das Erfolgsmodell aufmerksam und schickt seine Vorsitzende für den Mädchen- und Frauenfußball auf den Heuchelhof, denn irgendetwas machen die Würzburger besser als anderswo.

 

Besser als anderswo und zahlreiche Preise

 

Besser als anderswo ist auch das Konzept, bei dem Mädchen nicht nur durch eigene AGs an Kitas und bald auch Grundschulen für Fußball begeistert werden, sondern auch im Verein eine Hausaufgabenbetreuung, kostenlose Trainingskleidung und Fußballschuhe aus einer Tauschbörse erhalten. Denn mittlerweile hat der Verein zwei Mädchenteams im regulären Spielbetrieb, knapp dreißig Nachwuchstalente laufen bereits 2012 als SC Heuchelhof bei Spielen und Turnieren auf.  Und das Konzept aus kostenlosem Angebot, Bildungsunterstützung und Fußball wird national gefeiert. Die Weltmeisterin und spätere Bundestrainerin Steffi Jones kommt im gleichen Jahr auf den Heuchelhof und überreicht den Mädchen den Preis „Ausgezeichneter Ort 2012“.

 

Im Jahr darauf wird der Verein für seine Nachwuchsarbeit mit dem renommierten Bildungspreis der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur geehrt, feierlich überreicht von Günter Netzer. Jener Günter Netzer, der Anna, Laura, Leonie und Sophie für Schwestern hielt und den vier Spielerinnen den begehrten Preis mit dem Kommentar überreichte: „Ihr seid ja eine coole Truppe!“. Die ungeschminkte Replik der Mädchen: „Komische Frisur“. Weitere nationale Auszeichnungen folgten, darunter der Integrationspreis des DFB, der Stern des Sports des Deutschen Olympischen Sportbundes, der Innovationspreis des Bayerischen Landessportverbands und noch viele weitere mehr.

 

Stelldichein der Stars

 

Es beginnt ein Stelldichein der Stars, jede will das Phänomen des kleinen Stadtteilvereins mit eigenen Augen sehen. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und KiKa-Moderatorin Shary Reeves werden Patinnen, die Europameisterinnen Lena Lotzen und Célia Sasic sind zu Gast, Dirk Nowitzki überreicht persönlich das „Wirkt!“-Siegel für erfolgreiche Nachwuchsarbeit und Sky-Moderatorin Nele Schenker stellte sich eigens vor die Kamera, um für das Crowdfunding des Vereins zu werben.  

 

Denn mit dem zunehmenden Erfolg mussten auch angemessene Trainingsbedingungen geschaffen werden. Es hatte sich gezeigt, dass die Mädchen vom Heuchelhof nicht nur Spaß am Fußball haben, sondern auch ein erhebliches Talent. Die vier Mädels hatten mit ihrer Schule die bayerische Meisterschaft gewonnen und nahmen an der deutschen Meisterschaft teil. Bei Hallenturnieren und auf dem Platz bezwangen die Mädchenteams reihenweise die Jungs, es folgten zahlreiche Turniersiege und Kreis- sowie Bezirksmeisterschaften. Zwischen 2014 und 2016 gewannen die U11-Juniorinnen um die Fantastic Four sechzehn Turniere in Folge und bald ging es auf den Plätzen Unterfrankens eigentlich nur noch um die Frage, wer Platz 2 hinter den „Würzburg-Dragons“ belegen würde.

 

Ein Grund für das Erfolgsrezept war neben dem Talent der Spielerinnen auch die Idee, reine Mädchenteams nur noch gegen Jungs antreten zu lassen. Mehr Spielpraxis, mehr Zweikampfhärte und mehr Durchsetzungsvermögen waren die Folge. Und während in der Region der Mädchenfußball zu verschwinden drohte, gründete der Verein gemeinsam mit der Universität Würzburg das Nachwuchsförderzentrum für Juniorinnen. Auch dort begann alles mit Schwierigkeiten, knapp ein Dutzend Spielerinnen markierten im Jahr 2014 den Auftakt. Mittlerweile sind es über 40 junge Talente aus ganz Unterfranken und das NFZ ein Erfolgsmodell.

 

Neue Perspektiven

 

Was aber noch fehlte, war die Perspektive im Leistungsfußball der Frauen. Zwar bestand ein hochklassiges Frauenteam in unmittelbarer Nachbarschaft, beide Angebote wollten aber nie so recht zusammenfinden. Erst 2018 ergab sich eine praktikable Lösung und das in die Bayernliga abgestiegene Nachbarteam wurde in die mittlerweile auf sechs Teams von der U8 bis zur U17 angewachsene Abteilung des Vereins integriert. Der Mädchen- und Frauenfußball hatte ab diesem Zeitpunkt endlich sein Zuhause in der Region gefunden und die Zufriedenheit aller Beteiligten war groß. Die erste Mannschaft um Headcoach Gernot Haubenthal bedankte sich für die neue Heimat mit dem direkten Wiederaufstieg in die dritthöchste Spielklasse, dem Gewinn des Erdinger-Cups sowie aktuell Platz 2 in der Regionalliga – als Aufsteigerinnen wohlgemerkt.

 

Und die vier Spielerinnen, die jeden Moment dieser zehn Jahre selbst miterlebt haben? Sie feuern nicht nur ihre Frauen bei Heimspielen an sondern spielen selbst mit ihrem Team in der Landesliga. Auch wenn es dort wegen des Altersunterschieds zu den U17-Juniorinnen noch nicht ganz rund läuft, können sie immerhin einen 4:2-Sieg gegen den Club aus Nürnberg verbuchen und bereiten sich durch gemeinsame Trainingscamps mit dem VfL Wolfsburg oder der TSG 1899 Hoffenheim auf ihre Zukunft als Leistungsspielerinnen vor.

 

Sie träumen davon, einmal für ihre erste Mannschaft aufzulaufen, vielleicht sogar irgendwann als Bundesliga-Spielerinnen. Gemeinsam mit den Kickers soll diese Zukunft ermöglicht werden. Ab der Saison 2020/21 spielen alle Frauen- und Juniorinnenteams als „FC Würzburger Kickers“ und nehmen im sanierten und hochmodernen Sportpark Heuchelhof die nächsten sportlichen Erfolge in Angriff. Die Präsentation dieses gemeinsamen Weges mit den Würzburger Kickers findet an einem ganz gewöhnlichen Abend im Januar statt – und wir haben gesehen, was sich aus ganz gewöhnlichen Abenden alles entwickeln kann.

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